2013 : Blühende Landschaften oder potemkische Dörfer

Joachim  hat in seinem Kommentar zur Bohnensuppe     https://heutegibts.wordpress.com/2013/07/26/2082/

etwas von „Früher“ , etwas von Tradition geschrieben. Er sprach mir aus dem Herzen!
Tag-täglich  bewegen auch mich solche Gedanken und bringen mich oft auch in Wut. Oft muß ich mich regelrecht zwingen nicht darüber zu schreiben obwohl mich diesbezüglich soviel bewegt. Denn eigentlich fühle ich mich nicht sooo alt um immer wieder von „früher“ zu reden. Ich denken dann oft andie Zeit als ich noch ein junger Bursch war und alte Leute von früher , von der guten alten Zeit sprechen hörte, oder schlimmer noch vom Krieg.

Das war mir als Kind oft zuwieder und ich empfand das immer gleiche Gerede der Alten  oft lästig  so daß man es oft nicht mehr hören konnte.

Klar daß ich nun heute selbst immer wieder in einem Zwiespalt bin:                                     ich möchte zum einen nicht so sein wie die zuvor geschilderten Alten damals. Auf der anderen  Seite hat sich so unwahrscheinlich viel in den letzten 20, 30 Jahren geändert, das man einfach nicht hinnehmen kann, ohne den Mund auf zu machen.
Und zwar ins absolut negative verändert!

Laßt mich nochmal in meine Kindheit zurückschweifen, 48 geboren wuchs ich als Flüchtlingskind in einer zerbombten Stadt auf (Würzburg). In einem Stadtteil der total platt gebombt war, erst recht deshalb, weil er überwiegend  aus mehreren Kasernen bestand.
Ich wuchs also in einer Ruinengegend auf, und unter besonders hart gebeutelten  menschlichen Schicksalen die ich Tag für Tag zwangsläufig mitbekam , anhören mußte. Ausgebombte , Kriegerwitwen, Flüchtlinge überall,                                                                 200 Meter links ein Flüchtlings-Barrackenlager,                                                                      3oo Meter südlich ein Lettenlager meist Beinmputierte  und Rollstuhlfahrer.                       In der anderen Richtung  hatten Amis die weniger zerstörten Kasernengebäude  schnell herrichten lassen und zogen dort selbst ein.

Alles war zerstört. Die nächste Brücke über den Main war zerstört und so wurde man mit kleinen Schelchen  (kleine schmale Fischerboote) übergesetzt,  wollte man in die Stadtmitte. In der gesamten  zerstörten Stadt lagen Gleise für Loren, mit denen die nicht endenden Berge von Schutt abtransportiert wurden.

Warum erzähle ich das?

Damit man versteht  was für eine Zeit das war, in der ich  die „Alten“  von der guten alten Zeit erzählen hörte.
Über die Gegenwart wurde damals nicht gejammert, obwohl eigentlich alle bei Null anzufangen hatten, auch nicht über die Zukunft,  dafür gerne aber über die gute alte Zeit  gesprochen.

In immer schnellerem Tempo erwuchs die Stadt aus Ruinen heraus  zu neuem Leben,  man mußte nicht mehr  über  Trampelwege die über zahlreichen  Ruinengrundstücke  führten, den  Weg zur Schule  zu nehmen,  immer mehr brachte neue Bebauung  auch neue Gehsteige und so änderte sich der Schulweg dauernd. Um einen herum war in gut 10 , 15 Jahren nichts mehr zu sehen von Ruinen. Überall hatten Geschäfte aufgemacht: fast in jeder 2. Straße ein Metzger, ein Bäcker, Friseure,  Schuster, Lebensmittelgeschäfte, Kolonialwarenhändler, Milchläden ja sogar Fischläden: Gast und Wirtshäuser alle nur  hundert Meter auseinander. In jeder 3. 4. Straße ein Malergeschäft,  alle paar hundert Meter eine kleine Autowerkstatt  mit und ohne Tankstelle.  Da ein  Installateur , da ein Klempner,  dort ein Elektriker. Und und und  Alles war reichlich da. Die Leute hatten Arbeit man bekam alles sozusagen vor der Haustüre, jede Dienstleistung,  jedes Produkt .
Man hatte sogar die Wahl wo es die besseren Brötchen das bessere Brot gab und wo der Leberkäs am besten war.

Später dann als ich selbst nach mittl. Reife eine Metzgerlehre begann,  hatte Würzburg 182 Metzgereien. Ähnlich war es mit Bäckern, mit Lebensmittelläden, Friseuren, Elektrogeschäften,  und und und

Jahrhunderte , ja Jahrtausende  gab es diese ganzen erfolgreichen  Berufe, Handwerke wie die Geschichte der Zünfte beweist. Alle schweren Zeiten , Kriege, Hungersnöte, Pest und Cholera hatten sie überstanden und ihr Können von Generation zu Generation weitergegeben.

Heute gibt es in diesem Stadtteilviertel nur noch  einen Metzger!  1 weiterer ist nur eine Filiale wo nichts mehr hergestellt wird.
Es gibt nur noch einen Supermarkt alles andere : weg. Keinen Elektriker, Installateur mehr , kein Malergeschäft. Keinen Tapezierer, keine Wäschemangel, keine Reinigung mehr.  Es gibt von den urprünglich 6 Blumengeschäften noch eines. Von ca 12, 14 Gaststätten gibt es noch 2, von den 6, 8 Autowerkstätten keine mehr.  Überall wo mal kleine Firmen und Dienstleister, Warenlager, Auslieferungen etc waren, ist Leerstand. Es gibt keine Poststelle mehr wo ehemals 3 waren, nur noch eine Sparkassenfiliale , die 4 anderen Bankfilialen sind weg. Friseur gibt es auch keinen mehr und von den ursprünglich 3 Konditoreien  existiert auch keine mehr. Es gibt keinen Schreiner mehr , keinen Schuster, kein Elektrogeschäft  und keine Haushaltswaren mehr .  Einst gab es einen Ford Händler, einen Opel Händler Namens Georg von Opel,  und 3, 4 Gebrauchtwagenhändler : nichts mehr davon ist da!

Was ist da geschehen in den letzten 20 , 25 Jahren?

Das  sind doch alles Gewerbe die man braucht , die man  eigentlich bräuchte.

Mir bricht es wirklich das Herz !

Wir hatten doch keinen Krieg  in diesen vergangenen Jahren, wie damals als ich ein kleiner Junge war und alles in Ruinen lag. Dennoch bietet dieser Stadtteil den selben trostlosen Anblick wie viele Stadtteile in fast allen deutschen Großstädten. Alles ist  so desaströs so niedergekommen wie nach dem Krieg, nur daß die Mauern stehen.                 Sie stehen wie ein Mahnmal , nur eben mit Graffitis besprüht.

Würzburg hat derzeit noch 5 oder 6 Metzger die noch selbst herstellen . Das ist eine Verarmung ohnegleichen . Man stelle sich die frühere Wurstvielfalt vor , die Geschmacksvielfalt, alles geht  immer mehr verloren, alles.
Was ist das für eine Armut geworden: ich kenne nur noch eine einzige  Bäckerei in der Stadt  mit wirklich gutem Brot. Alles andere haben sich einige Großbäckereien mit x Filialen aufgeteilt, dort backen 420 Euro Laien vorgefertigte, gefrorene  Teiglinge  in Heißluftöfen heraus.                                                                                                                 Bäcker, richtige Bäcker, ich glaube gibt es auch kaum noch einen , wie Metzger eben auch.

Statt dessen gibt es in diesem Stadtteil zwei Lebensmittel-Ausgaben der Tafel für bedürftige Menschen. Glaubt es mir : das gab es nicht mal in den Nachkriegsjahren die ich erlebte .                                                                                                                                     Armenspeisung war da längst passe.
Die Leute hatten Arbeit und konnten davon Leben 1952, 1953 und später.  Heute stehen sie an der Tafelausgabe Schlange…                                                                                           Heute haben manche 2 Arbeitsstellen und kommen kaum über die Runden…..

Dennoch erzählt uns die Politik tag – täglich wie gut es uns,  den Deutschen  doch gehen würde.                                                                                                                                             Deutschland hat derzeit die höchsten Steuereinnahmen die es je gab!
Blühende Landschaften ?                                                                                                              Wo?
1/4 der arbeitenden Bevölkerung  so meldeten heute die Nachrichten arbeitet  im Jahre 2013  unter dem  sogenannten Billiglohn, den es ja gar nicht gibt und der vielleicht einmal eingeführt werden soll.

Wir leben in einer Zeit des totalen Niedergangs!

Binnen weniger Jahre hat es die Politik mit ihren Vorgaben erreicht, daß  komplette oder  größte  Teile des Handwerks, des Handels  durch mittelstandsfeindliche  Politik ruiniert  oder weggebrochen sind.  Der volkswirtschaftliche und gesellschaftspolitische Schaden ist geldwert gar nicht zu ermessen, der damit zerstört wurde. Ohne Not von innen weite Teile  erst zu entindustrialisieren, dann durch Konzentrations und Auflagendruck auf die Kleinunternehmen große Teile des Gewerbes, des Handwerks und des Handels auch noch  zu ruinieren und auf dem Altar  des Mammons zu opfern.

Ja Ruinieren !

Das sage ich ganz bewußt und nach vielem nachdenken.

Darüber daß es soweit kommen konnte, daß sich die Bevölkerung (in blanker Lethargie) das von der Politik so gefallen ließ ist ein Armutszeugnis. Es ist aber auch den Gesellschaftteilen  wie den Medien, der Presse, den inzwischen eingeschläferten Gewerkschaften anzukreiden, es ist den Intellektuellen und der Intelligenz anzukreiden daß über Jahrzehnte eine solche Politik gemacht werden durfte!

Ohne daß wir einen Krieg hatten,  liegen viele Teile Deutschlands brach. Nicht in Schutt und Asche aber brach , manchmal kommt es mir vor, als sei das noch schlimmer,  wie damals nach dem Krieg, denn  regelrecht aufschreiend wie ein Mahnmal kommen einem manche Landstriche vor.

Ach , und auf dem Land ist die Welt noch in Ordnung ?

Nein!

Dort sieht es eher noch schlimmer aus. Ich bin unlängst 45 Kilometer Landstraße nach Bad Mergentheim gefahren. Alle Dörfer die wir durchfuhren sind tot. Mausetot. Man hätte meinen können, es sei ein  Endspiel der Fußball WM und alle säßen vor den Fernsehern.   In all den Dörfern die wir durchfuhren sah ich, so glaub ich 2 oder 3 Leute.                   Keinen Traktor , keine Oma mit einem Handwagen, keine  Kinder, nicht mal den Dorftrottel wie einstmals, denn diese werden jeden Tag eingesammelt und irgendwohin gefahren. Ich fand in all den Dörfern nicht eine einzige Bäckerei, nicht einen Metzgerladen. Ehemalige Wirtshäuser : geschlossen und  lang verstaubte Fenster. Wir fanden nicht einen geöffneten Laden. Man erkennt zwar daß da und dort dereinst mal eine Tankstelle war, vorbei. In keinem Bauernhof an der Straße war Leben , war Emsigkeit zu sehen.

Heutzutage bewirtschaftet ein „Großagrarier“  mit riesigen Maschinen die Ackerfläche von einem ganzen Dorf, oder gar zwei Dörfern ganz alleine ! Die Höfe sind verwaist.

Was ist das für eine fürchterliche Armut geworden in Deutschland im Jahr 2013 ?
Was ist das für eine Parallelwelt die da zwischen Realität und Digitaler und Medialer Welt  entstanden ist. Das wahre, das reale Deutschland hat mit dem was in der Politik was in den Medien dargestellt wird nichts mehr zu tun. Das sind zwei gegensätzliche Welten:  Realität  und die blühenden Landschaften  in den Köpfen der Politiker  kommen immer mehr den „potemkischen Dörfern“ im Zarenreich Katharina der Großen gleich.

In solchen Momenten denke ich gerne an Tradition zurück, wünschte mir , daß die Politik  die Weichen so stellte, daß vieles über hunderte von Jahren gewachsene , die  Schätze an Erfahrungen, Können, Geschick erhalten und gefördert würden.

Denn so wie sich dieses Deutschland, diese Welt derzeit darstellt, wenn man es mit offenen Augen betrachtet,  das ist mit Sicherheit nicht das Deutschland das sich das Volk wünscht.

Wann endlich kommt ein Umdenken ?

So, das wollte ich einmal los werden.

Ich wurde einmal gefragt warum  „Heute gibts“ eigentlich so bieder , eher traditionell ist. Warum ich mich und mein Können  nicht exclusiver, moderner darstelle. Warum manches eher volkstümlich, eher einfach  gehalten ist, sowohl von der Auswahl  und der Zusammenstellung der Gerichte,  als auch von den Arbeitstechniken und Methoden.
Warum „fränkisches Fass-sauerkraut“  und kein Extra Brut Champagnerkraut, warum Schweineschäufele und kein Steak von Yves-Marie Le Bourdonnec aus Paris,
warum beschreibe ich,  wie man einen gekochten Schinken selber machen kann, anstatt  einen vorzüglichen Luxusschinken aus einer kleinen italienischen Marcelleria aus Perugia hochzujubeln?

Wer diesen Bericht von Anfang an gelesen hat wird verstehen , daß mir der Verlust heimischer  traditioneller Gerichte mehr am Herzen liegt als das bekanntmachen einer Bezugsquelle aus Italien. Zudem zeichne ich „Heute gibts“ in erster Linie für meine lieben Töchter auf , in denen sie bürgerliches am realen Leben und nicht am Luxus orientiertes Essen vorfinden, nachschlagen und nachkochen können.

Danke für euer Verständnis,  über die Besorgnisse die einen  so manchmal übermannen. Thats Live!

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2 Antworten zu 2013 : Blühende Landschaften oder potemkische Dörfer

  1. Kathrin Holas schreibt:

    Ja, Bernd, du hast völlig recht! Es tut einem oft in der Seele weh, zu sehen was so allerhand auf der Welt passiert. Alles wird reglementiert, mit Vorschriften versehen – man könnte meinen, der Mensch sei zu blöd um noch für sich selbst Entscheidungen zu treffen. Ich bin auf dem Bauernhof aufgewachsen – mein Vater hat immer Schweine, Kühe usw. selbst geschlachtet – das war ganz normal. Heute dürfen „Schlachtungen“ nur noch beim Metzger – der gewisse Standards erfüllt – vorgenommen werden. Mich wundert, dass die Menschheit nicht schon lange ausgestorben ist – ohne die ganzen Auflagen und Hygienevorschriften. Die gierigen Biotech-Firmen wollen die alleinige Kontrolle über das Saatgut haben – die Quelle unserer Nahrung. Alltägliche Obst- und Gemüsesorten, wollen sie patentieren und Züchter quasi dazu zwingen, sie für das Saatgut zu bezahlen oder eine Anklage zu riskieren, wenn sie es nicht tun. Das ist doch schrecklich oder? Die Mächtigen werden immer mächtiger – die Armen immer noch ärmer. Es gibt keinen „Mittelstand“ mehr so wie früher. Wo gibt’s noch kleine, liebevoll eingerichtete Geschäfte – wo man sich noch freut wenn ein Kunde kommt? Mittlerweile ist es ja schon bald so, dass die Hauptgeschäftsstrassen der Städte alle gleich ausschauen – überall der gleiche Müll. Betritt man so ein Geschäft und hat das Glück überhaupt vom Personal wahrgenommen zu werden – ergreift dieses meist sofort die Flucht – defacto hat man den Eindruck jetzt „gestört“ zu haben. Von einer zuvorkommenden Bedienung sowieso mal ganz abgesehen. Es wäre wünschenswert wenn die Menschen wieder mehr Wertschätzung füreinander zeigen würden und hoffentlich bald ein Umdenken in den Köpfen aller stattfindet. Weil wenn das so weitergeht, dann „sägen wir uns den Ast bald selber ab – auf dem wir sitzen“.

    Nachdenkliche Grüsse aus Tirol sendet dir Kathrin

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    • derbayerx schreibt:

      Vielen Dank Kathrin!

      Es freut mich sehr,daß auch du eine solche Sichtweise hast. Und vielen dank für deine engagiert verfassten Zeilen.
      Manchmal hat man den Eindruck man sei ein ein wenig „aus der Art geschlagen“ und hätte alleine so eine sichtweise.

      Wo bleiben die Medien, wo bleibt die Kirche, wo bleibt die Intelligenz, wo bleibt zumindest der eine oder andere
      ehrliche Politiker, die sich gegen diese Verarmung der Gesellschaft wehren?

      Danke nochmals Kathrin,
      hat mich sehr gefreut!
      Viele Grüße, Bernd

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