Wir bauen um !

 

Viele Jahre lang habe ich immer wieder eines beobachten können,
ich nannte es ab einem Zeitpunkt mal :

Totrenoviert.

Beobachtet habe ich dies vor allem in meiner ureigenen Branche, der Gastronomie, die ich natürlich am besten im Auge und Focus hatte.
Es fing immer auf die gleiche Art an: man hatte ein bestimmtes gutgehendes Lokal mit engagierten Wirtsleuten .
Meist auf Jahre gutgehende Restaurants,  Gasthöfe, Wirtshäuser oder auch Ausflugsgaststätten.
Früher gehörten solche Gaststätten oft den Brauereien, dann sorgten diese, meist anläßlich eines Pächterwechsels für eine behutsame zeitgemäße Renovierung.

Als sich die Brauereien mehr und mehr von angepachtetem , aber auch von Grundbesitz und  Imobilien trennten, fiel diese Aufgabe weg und die Wirte mußten nun meist selbst für zeitgemäßes Interieur sorgen und die immer wieder neuen gesetzlichen Vorgaben erfüllen.

Und so waren es dann meist die guten Wirte die ans Renovieren gingen.
Denn nur sie hatten genug Geld erwirtschaftet  und konnten sich einen teuren Umbau leisten.
Also ich rede von Umbau und nicht vom renovieren mit ein paar Kübeln Farbe.
So traf ich also immer wieder Kollegen, die  mir stolz neue Pläne erklärten, oder mir diese ganz stolz sogar zur Einsicht und Diskussion vorlegten.

Allerdings hatte sich auch die Zeit beim Gegenüber gravierend geändert: denn früher machte die neue Einrichtung der Schreiner in der Nachbarschaft,
der Maler von nebenan,  der Installateur und Klempnermeister  um die Ecke.
Die Brauerei spendierte eine neue Theke und fertig war der Laden wieder für die nächsten 25 Jahre.

Diese Zeiten waren aber damals gerade vorbei.
Das übernahm nun ein auf „ Gastronomie, Erlebnisgastronomie“ spezialisierter Innenarchitekt.
Meist kam dieser mit einer Liste von Lokalen die er bereits umgebaute hatte.
Alle sahen dann meist gleich uniform aus, gleich langweilig, gleich schön häßlich, wie ein Abziehbild dem anderen.

Der arbeitete natürlich nicht mit den Handwerkern der Gegend zusammen, nein er hatte auch „Spezialisten“ meist Firmen aus ganz anderen Städten, oft weit her:
Lüftungs und Klimatechnik,  Kühl und Schankanlagenbau, Einrichter für Systemgastronomie, Eventinneneinrichtung.
Und einfach einen großen Herd auf der nächsten  Gastronomiemesse zusammen mit dem Koch zu kaufen war auch nicht mehr drin.
Nein , ein Gastro-Fachberater für zeitgemäße Küchentechnik und Kücheneinrichtung  wurde hinzugezogen, nicht der Koch, der Küchenchef der dann damit später arbeiten sollte.
Diese bekamen dann nur noch einen Plan mit all den eingebauten Geräten vorgelegt ob sie die brauchten oder nicht.
Da sich der Verdienst der Einrichter am Volumen bemaß,  knallten diese den Wirten natürlich soviel wie möglich an Umbau und Gerätschaft in den Laden.

Und sie konnten dann das erleben:
Die Garantie die Wartung, die Reparatur  oblag nun irgendeiner auswärtigen Firma. Niemand in der Regel zu erreichen.
Dann stets die teuren Anfahrts und Reparaturkosten.
Ganz anders als früher , als man den Elektriker, den Installateur von nebenan anrief,     zack zack war der da.
Oder der Kühltechniker, in einer Stunde war der Kühlraum wieder kalt.
Bei den auswärtigen Firmen dagegen meldete sich niemand. Nur der Anrufbeantworter!

So traf man Wirte die zwar stolz wie  Bolle waren, aber sehr oft wegen der unglaublichen Kosten in die Knie gingen und ihnen das frühere Lachen verging.
In Folge war der ganze Verdienst der letzten Jahre weg, man hatte Schulden abzutragen Das Geld hatte nun  nicht mehr der Wirt, sondern der Inneneinrichter,                              und der kaufte sich eine Finca in Spanien, während der Wirt buckeln durfte.

Meist hatte sich durch den Umbau , die Renovierung  der ursprüngliche Charakter der Gaststätten so geändert, war so „uniform“ ,
austauschbar geworden, daß auch die Gäste Probleme hatten sich dort wie früher wieder  wohlzufühlen.
Höhere Preise wegen des Umbaus taten ein übriges die Gäste fernzuhalten.

Auf diese Art und Weise verloren viele Lokale ihr Gesicht, viele gute Wirte gingen an den Umbaukosten pleite, oder gaben auf, verloren die Freude.

Und immer wenn ein Kollege kam und meinte er baut um, mußte ich an dies von mir dann später

„Totrenovieren „

genannte Umbauen denken,                                                                                                          wo Lokale all ihre Persönlichkeit ihren ursprünglichen Charakter  verloren,                    Wirte verarmen konnten.

Und sicher wird euch beim lesen dieser Zeilen das eine oder andere Lokal einfallen , bei dem dies genau so ablief!

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Eine Antwort zu Wir bauen um !

  1. manfred mitter schreibt:

    Du sprichst mir da aus der Seele.
    Es gibt unzählige wunderschöne alte Wirtshäuser mit unvergleichlichem Flair, guter Küche, und nicht auswechselbarem „Wohlfühlfaktor“.
    Mit Radikalumbau auf neuen Einheitsbrei haben sich viele ehemalige Wirtshäuser selber das Wasser abgegraben.
    Ich sag immer, sauber muss es sein, aber das kann man ja auch durchaus in älteren Gebäuden hinkriegen.

    Viele Grüße
    Samuispezi

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